Hier nun vielleicht die chaotischste Episode bisher. Ein Drama in 3 Akten, wiedereinmal aus Tagebuchaufzeichnungen rekonstruiert. Viel Spass!
1. Akt: No Sleep til Kashmir (Donnerstag, Freitag)
Ich habe mich entschlossen, ein paar Tage vor den anderen nach Srinagar aufzubrechen, allein. Der Jeep faehrt die Nacht durch, um am naechsten Vormittag in der etwa 430km entfernten Hauptstadt Kashmirs zu sein. Wir fahren der Sonne entgegen, Richtung Westen. Ein letztes Mal sehe ich Ladakh an mir vorbeiziehen, aber ich bin mir mehr als sicher, dass dies nur ein Abschied auf Zeit sein wird.
Gut 100km nach der Abfahrt wird der bisher leere Platz neben mir durch einen kleinen, dicken Inder belegt. "Are you comfortable?" ist die gaengige Phrase von jemandem, der sich neben dir breit macht. (Ich habe sie mir inzwischen fuer Busfahrten angewoehnt.) Die Aussicht waere sicherlich klasse - der Indus, die Berge, unzaehlige Militaerbasen, die Raketenabschussvorrichtungen auf Pakistan richten - aber es ist eine sternenklare Neumondnacht, folglich sehr finster. Die Sicht auf die Sterne ist dafuer unbeschreiblich. Schade, dass man fuer diesen Anblick 6000km fliegen muss, oder eben 4 Euro Eintritt im Planetarium zahlt. Bei jedem Stop starre ich in den Himmel, bis mir schwindelig wird.
Ankunft in Srinagar. Bagdad wirkt vermutlich einladener. Ueberall Militaer mit automatischen Waffen, Stacheldraht, vor allem aber Stacheldraht. Ich entschliesse mich, 2 Naechte zu bleiben und miete ein Zimmer der Kategorie gehobener Upfuck auf einem Kahn, der in einem stinkenden Gewaesser ankert. Immerhin nicht weit zur Bushaltestelle, was meinen Fluchtinstinkt befriedigt, immerhin etwas Gutes wenn man bedenkt, dass der Preis gerade so unterhalb der Schmerzgrenze ist. Ausserdem passe ich den ersten Tag des Ramadan ab, was es schwer macht, in einer muslimisch gepraegten Region ein gutes, offenes Restaurant zu finden.
Srinagar selbst ist recht spassig - ich bezahle jemanden dafuer, mich auf dem See herum paddeln zu lassen. Ueberall Hausboote und Gaerten, schwimmende Gaerten... Haendler fahren mit ihren Booten herum und bieten Waren an, es ist eine Stadt in der Stadt, auf dem See. So verrueckt, dass ich anfange, den Ort zu moegen.
Doch dann faellt alles in sich zusammen.
2. Akt: No sleep since Kashmir (Samstag, Sonntag, Montag)
Meine Airline kommt aus dem Iran. Dass die iranisch-europaeischen Verhaeltnisse nicht gerade bruederlich sind, ist nichts wirklich neues. Leider entschloss sich die EU, Mahan Air, so der Name des Unternehmens, auf eine Blacklist zu setzen, die das Landen von Flugzeugen dieser Airline in der EU untersagt. Meike mailte es mir am Abend. Als ich in Delhi im Airline-Buero anrufe, sagt man mir, ich solle baldmoeglichst zu ihnen kommen. Was mache ich Wahnsinniger also? Keine 24 Stunden, nachdem ich in Srinagar angekommen bin, sitze ich im Express Bus Srinagar-Delhi. Express heisst in diesem Fall etwa 27 Stunden fahrt, natuerlich nur noch Platz auf der letzten Bank. Da Kashmir aber ne Krisenregion ist, haelt das Militaer die Strassen in Ordnung, und da das ganze Ding auch noch ein sg. "Deluxe" Bus ist, kann ich sogar meine Lehne zurueckstellen und finde dann letztlich doch etwas Schlaf (ja, ich weiss, dass das nicht dem Titel entspricht, aber die Dramatik... die Dramatik!). Neben mir sitzt ein deutsches Paerchen, das nach Srinagar geflogen ist und gerade seine erste, indische Busreise macht. Sorgt fuer etwas Spass. Gar nicht so schlimm, bis in den tieferen Lagen das grosse Schwitzen wieder losgeht.
Delhi zum zweiten.
Ich ueberzeuge einen Rikshawfahrer davon, dass das tibetische Viertel eben nicht "very far out!!" ist und mich fuer nen guten Preis dort hin bringt. Miete mich wieder fuer ne Nacht im Lhasa House ein, esse Momos, und das Personal ist nach wie vor echt freundlich (meine zukuenftigen 2 (!!) Delhi Aufenthalte werd ich wohl auch wieder dort verbringen). Nach Chillout, essen, dusche, lesen und pennen (zum ersten Mal seit langem wieder ohne Decke unter nem Ventilator) dann am naechsten Tag Connought Place, zu dem daemlichen Buero. Man kann mir natuerlich nicht helfen, da deren System (!) sagt, dass Fluege nach dem 1.10. planmaessig gehen. Meine Beteuerungen, dass die EU es sich in den naechsten paar Wochen wohl kaum anders ueberlegen wird, stossen leider auf taube Ohren. Immerhin sichert man mir einen FLug mit Turkish Airways zu, ebenfalls fuer den 12.10. ... Mal sehen, was da noch so kommt. Ich ueberlege, mir fuer meinen naechsten Besuch in dem Buero ein Stueck Schweinefleisch mitzunehmen (zum drohen!)
Abends sitz ich wieder im Bus.
3. Akt: Endlich Urlaub (Dienstag, Mittwoch)
McLeod Ganj heisst mein Ziel diesmal. Jeder, der Google Earth bedienen kann, wird feststellen, dass ich nen ziemlichen Umweg gemacht hab. Gluecklicherweise faehrt mal wieder ein zugekokster Irrer, der fuer die Strecke kaum mehr als 12 Stunden braucht. Schlaf bekommt man natuerlich nicht, wenn jemand deutlich zu schnell Serpentinen hochrast.
Ich entschliesse mich, (aus Geldgruenden) ueber meinen Schatten zu springen und nehm ein Zimmer mit shared Bathroom und ner Hoicktoilette. Dafuer ists sauber und etwas ausserhalb. McLeod ist ein ziemlich friedlicher Ort, die Tibetische Exilregierung hat hier ihren Sitz, dementsprechend ist die Stadt auch fastausschliesslich von Exiltibetern bewohnt, die zum Glueck nicht so stressig sind. Die beiden Hauptstrassen des Ortes sind aber deutlich uebervoll zur Mittagszeit, es sei denn, es regnet grade, und hier regnets echt viel (ein Ladenbesitzer steckt mir, dass dies der zweitregnerischste Ort Indiens sei - ich glaube es). Der Tempelkomplex ist wirklich beeindruckend - aber nicht, weil er besonders prunkvoll ist oder riesig oder weissdergeier... sondern weil er durch tibetische Bescheidenheit ueberzeugt. Er spiegelt genau den Eindrcuk wider, den ich bisher von den Tibetern bekommen habe... Man braucht hier keine riesigen Tuerme, Plaetze, kein Gold... Der Ort strahlt einfach nur Frieden aus. Nur ein kleiner weiterer Punkt, der ueberzeugt, dass die tibetische Sache 100% Solidaritaet verdient.
Den Dalai Lama hgab ich uebrigens nicht gesehen. Angeblich ist er aber gerade hier. Mal sehen... Ich bleibe noch bis Montag, bevor ich wieder nach Delhi fahre.